Bundestrainer Joachim Löw zeigte nach dem ersten Erfolg seit 326 Tagen Verständnis für die Zweifler. Jeder könne Kritik äußern, sagte er nach dem 2:1-Sieg am vergangenen Samstag in Kiew gegen die Ukraine – und fügte hinzu: "Aber ich stehe über den Dingen. Dass es unterschiedliche Meinungen gibt, das erlebe ich seit 16 Jahren."

2004 hatte er als Assistent von Jürgen Klinsmann beim DFB begonnen. Beim aktuellen Neuaufbau lasse er sich "nicht von der Linie abbringen, weil man gegen Spanien 1:1 oder die Türkei 3:3 spielt", betonte er. Und: "Man muss sehen, wo wir herkommen. Nach der WM waren wir Ende des Jahres 2018 ganz weit unten."

Ist der historische Tiefpunkt überwunden?

Diesen historischen Tiefpunkt nach dem Debakel in Russland sieht Löw inzwischen als überwunden an. Dennoch sei es natürlich wichtig, "dass wir uns selber ständig hinterfragen und dann die Hebel ansetzen." 

Doch die Spiele der deutschen Nationalmannschaft sind aktuell wenig überzeugend. Das Interesse am einstigen Kulturgut der Deutschen geht zurück. In der Nations-League-Gruppe 4 rangiert man hinter den Spaniern nur auf dem zweiten Platz. Und bis zur EM – sollte sie denn im Jahr 2021 stattfinden – bleibt nicht mehr viel Zeit. 

Kriegt Löw mit der Nationalmannschaft die Kurve für die Euro 2021?

Robert Hiersemann

Head of Fußball und Sport

Pro

Ja, Löw braucht Zeit – und eine große Änderung

Aktuell herrscht aufgrund der Corona-Pandemie Ausnahmezustand – und zwar auch im Fußball. Die Stadien sind meist leer, die Profis von Champions-League-Sieger Bayern München gehen auf dem Zahnfleisch. Löw probiert sein Team unter Extrembedingungen weiterzuentwickeln. Und natürlich läuft dabei nicht immer alles rund. Doch einem Mann wie ihm – der genau weiß, wie man Titel holt – sollte man in dieser speziellen Situation Vertrauen schenken.

Topspieler wie Havertz und Werner werden bis zur EM 2021 noch wichtige Erfahrungen im Ausland sammeln – und damit auch beim großen Turnier ihrer Mannschaft eine wichtige Stütze sein. Auch die Bayern-Profis um Süle und Sané werden wieder topfit sein und das Team so auf ein anderes Level heben. Löws Gerüst steht, er sucht nun eben nur noch diejenigen Spieler, welche perfekt zu den Leistungsträgern passen. Doch das braucht eben Zeit.

Eine Baustelle muss der Bundestrainer allerdings schließen. Denn aktuell spürt man bei jedem DFB-Spiel, dass es seiner Mannschaft an Erfahrung fehlt. Die Abgezocktheit im Team könnte er auf einen Schlag erhöhen, indem er Thomas Müller zurückholt. Der Aussortierte würde mit seiner Erfahrung das Team sofort anleiten. Und damit der Mannschaft ganz sicher helfen, das große Ziel zu erreichen: den Gewinn des EM-Titels 2021.

Florian Wichert

Stellvertretender Chefredakteur

Kontra

Nein, Löw hat zu viele Probleme

Sieben Spiele bleiben Löw und der Nationalelf bis zur EM-Vorbereitung. Viel zu wenig, um die Probleme in den Griff und eine titelfähige Mannschaft auf den Platz zu bekommen. Allein die letzten Spiele offenbarten riesige Abwehrprobleme, fehlende Stabilität, eine überschaubare Chancenverwertung und Mentalität. In drei Spielen gegen Spanien (1:1), die Schweiz (1:1) und die Türkei (3:3) hat die DFB-Elf fünf Führungen verspielt.

Löw hat mit 41 Spielern in den letzten 20 Spielen viel zu viele eingesetzt - und teilweise die falschen. Wer in seinem Verein permanent auf der Bank sitzt wie Rüdiger, Schulz, Draxler oder Tah, hat beim DFB eigentlich nichts zu suchen. Zumal auch hinter zehn Top-Spielern ein Fragezeichen steht: Erreichen Süle und Sané wieder ihre Topform? Setzen sich Werner und Havertz bei Chelsea durch? Ist Kroos noch hungrig genug? Überstehen Kimmich, Goretzka, Gnabry und Neuer die brutale Belastung? Bleibt Reus gesund?

Das größte Fragezeichen aber steht hinter dem Trainer: Ist er noch der Richtige? Der Umbruch dauert schon zwei Jahre - ohne erkennbare Fortschritte. Die Fans laufen weg. Die Spieler empfinden die DFB-Partien in Corona-Zeiten eher als Belastung denn als Ehre. Wie soll das unter diesen Vorzeichen gut gehen?


WER HAT RECHT?

Im "Zweikampf der Woche" kommentieren wöchentlich Florian Wichert (Stellvertretender Chefredakteur bei t-online) und Robert Hiersemann (Head of Fußball und Sport) aktuelle Fußballthemen.